///KONTEXT///GEDANKENGEBÄUDE///

Peter Sandhaus und Jürgen Krusche: Auszüge aus einem E-Mail-Dialog vom Sommer 2005. Thema ist das Buch "Geschichten & Diskurse" von Siegfried J. Schmidt (Rowohlt Taschenbuch, 2003) und dessen mögliche Implikationen für eine noch zu entwickelnde non-dualistische Theorie des Raumes.
jürgen krusche:
als wir uns das letzte mal in berlin getroffen haben, hast du mir von einem buch erzählt, von dem du denkst, dass es viel mit der thematik unseres forschungsprojektes city_space_transitions zu tun hat. ich habe es ebenfalls gelesen und möchte dich fragen, wo du möglichkeiten siehst, die theorie der "geschichten & diskurse" für eine erweiterung der bisherigen raumdiskurse nutzbar zu machen. was mich noch als zweites interessiert ist deine feststellung, dass manche aussagen dieses buches - obwohl es sehr systematisch eine eigene terminologie entwickelt - mit aussagen vergleichbar sind, die man aus geschichten des zen-buddhismus kennt. könntest du das etwas näher erläutern?
peter sandhaus:
hallo jürgen, also, was mich grundlegend an s. j. schmidts buch "geschichten & diskurse", abschied vom konstruktivismus" fasziniert, ist seine konsequente und plausible konzeption nicht-dualistischer sondern prozeßbedingter wirklichkeiten.
schmidts denkstil vermeidet ontologische existenzannahmen von vornherein, zugunsten einer sprechweise über realitätsprozesse, die die beschreibung & beobachtung nicht vom beschreiber & beobachter trennt. diese lassen sich analytisch ja unterscheiden aber niemals befriedigend scheiden. objekt der beschreibung und beschreibung des objektes müssen für schmidt immer identisch gedacht werden...
wo sehe ich schmidts relevanz für die themenstellung von city_space_transition?
die theorie der "geschichten & diskurse" kann als grundlage für eine nicht-dualistische raumtheorie von nutzen sein. sie ist in sich kohärent und auf sich selbst anwendbar.
im vergleich z.b. mit martina löw, die in "raumsoziologie" (suhrkamp taschenbuch, 2001) ebenfalls auf eine nicht-dualistische begrifflichkeit zielt, wird deutlich, was ich mir von einer anwendung der "geschichten & diskurse" auf raumtheorie verspreche.
mit ihrer wortschöpfung "(an)ordnung" adressiert löw auf die doppelte konstitution von raum durch syntheseleistung und spacing. allerdings bleibt für sie die unterscheidung zwischen der symbolischen und der materiellen komponente von raum (s. 228) eine kategorische. ihr ansatz bleibt auf dieser grundlegenden ebene dualistisch, weil sie den materiellen gütern (wenn auch nicht unbedingt dem raum) eine vom betrachter unabhängige existenz zuschreibt. subjekt und objekt - der philosoph und sein tisch - stehen sich in löws raum immernoch ontologisch gegenüber. zwar räumt ihre argumentation mit der abendländischen behälterraumvorstellung auf, und indem sie sich den beziehungen von gütern und lebewesen zuwendet, findet sie zu einem dezidiert relationalen raumverständnis. aber dieses bleibt auf erkenntnistheoretischer ebene dualistisch.
schmidt hingegen: "in die mißlichkeiten dualistischer erkenntnistheorien kommt man gar nicht hinein, wenn man nicht bei objekten und subjekten und bei der qualität der relationen zwischen beiden beginnt, sondern bei prozessen." (s. 94)
seine prozeßorientierte wirklichkeitskonzeption betont auch die bedeutung von transitions (s. 86): "wie schon mehrfach betont, spielt sich alles, was geschieht, in übergängen ab, im zwischen, im während, also in der form von räumlicher zeitlichkeit oder zeitlicher räumlichkeit (...) übergänge sind gedachte differenzen, die sich in gelebte unterscheidungen verwandeln, welche sich wiederum in differenzen verwandeln."
zu deiner zweiten frage, inwieweit der nicht-dualismus bei schmidt und der nicht-dualismus des zen in einem zusammenhang stehen, darüber muß ich länger nachdenken. laß uns die möglichen berührungspunkte mit dem zen-buddhismus ein wenig später besprechen..
wie ging es dir mit der lektüre, was hat dich besonders angesprochen?
herzliche grüße, peter
jürgen krusche:
mir ging es ähnlich wie dir. was mir vor allem sehr zusagt, ist der "versuch", eine nicht-dualistische theorie zu entwickeln. auch sagt mir zu, dass schmidt sich zwar nicht vom konstruktivismus generell verabschiedet - was das buch ja im untertitel nahelegt - , aber doch von der radikalen variante. seine sprache ist auf diese weise relativ einfach nachvollziehbar und realitätsnah. dennoch entsteht ja mit der zeit des lesens eine enorme komplexität, alles scheint mit allem verbunden zu sein: geschichten bedingen diskurse und basieren auf der komplementarität von wirklichkeitsmodell und kulturprogramm, selektion bedingt kontingenz, etc. grundlegender akt ist die setzung, die IMMER auf voraus-setzungen basiert, bzw. alles vorhergehende erst zu voraussetzungen werden lässt. die rede ist also von einer beginnlosigkeit, wie dies ja auch derrida proklamiert.
das spannende - und vielleicht neue - an schmidts ansatz ist seine spezifische verwendung des begriffs der komplementarität, der mich besonders interessiert. so wie setzung und voraussetzung sich gegenseitig bedingen (die setzung ja eigentlich erst die voraus-setzung konstituiert), bedingt auch die selektion die kontingenz. erst durch die selektion entsteht kontingenz. diese gegenseitige bedingtheit verdeutlicht er durch ein "&"; geschichten & diskurse, etc.
hier möchte ich kurz etwas einschieben: im japanischen gibt es den begriff "soku", der auch in einem bekannten buddhistischen text verwendet wird. dort verbindet er leere und form. die übersetzungen lauten dann etwa: leere ist gleich form, und form ist gleich leere. verschiedene autoren haben aber darauf hingewiesen, dass dieses "soku" nicht mit "ist gleich" übersetzt werden kann, weil dies zu einfach ist (oder zu abendländisch?). wenn zwei begriffe mit "soku" verbunden werden, bedeutet das eher, dass das eine im anderen mit enthalten ist UND gleichzeitig es selbst bleibt; oder: das eine geht kontinuierlich in das andere über und konturiert sich dadurch erst als das eine.
die leere geht kontinuierlich in form über und wird dadurch erst als leere erkennbar. denn leere als leere ist nicht erkennbar.
das ist es auch, was schmidt meiner meinung nach mit dem begriff der komplementarität meint, und mit einem "&" markiert. auf dieses weise ist dann auch die einheit der differenz nochmals anders zu denken: jede setzung geht aus allen nicht-setzungen hervor, die dadurch erst zu voraus-setzungen werden, und alle nicht-setzungen gehen gewissermassen rückwirkend aus jeder einzelnen setzung hervor. es ist nicht zuerst das nicht-gesetzte (die leere), aus dem dann zeitlich versetzt die setzung (die form) hervorgeht. sondern mit der setzung geht auch alles nicht-gesetzte hervor.
ohne die differenz wäre nichts zu erkennen. die unterbrechung des kontinuierlichen stroms, wie schmidt es nennt, ist notwendig, damit etwas bestimmtes erkennbar wird. die einheit muss unterbrochen werden, bleibt aber gleichzeitig als einheit bestehen. wenn nicht, wäre es eine simple dichotomie von einheit und differenz.
diese komplementarität charakterisiert dann ebenso paare wie ego/alter oder ego/etwas (ding). dasselbe bei beobachter und beobachtetes. das würde bedeuten, dass das beobachtete ständig aus dem beobachter hervorgeht und sich gleichzeitig durch die beobachtung der beobachter erst selbst konstituiert.
das, denke ich, ist eine wichtige facette des nicht-dualistischen denkens. wobei meine interpretation vielleicht zu radikal - oder unter umständen zu wenig radikal - ist.
auf diese weise wären dann auch raum und zeit zu denken. dass raum und zeit komplementär sind, das sagt auch einsteins relativitätstheorie. bei schmidts konzeption ist jedoch das entscheidende, dass jede setzung raum und zeit erst hervorbringt. "jede setzung als vollzug einer unterscheidung setzt notwendigerweise raum und zeit; denn der übergang von einer voraussetzung zu einer setzung vollzieht sich als operation, die nur in raum und zeit gedacht werden kann. die prozessualität und relationalität unserer bewusstseinsprozesse erzeugt also unvermeidlich raum und zeit." (s.84)
das heisst, jede setzung (beobachtung oder beschreibung) bringt als vollzug notwendigerweise den raum als seine bedingung mit hervor. wenn ich auf den vor mir stehenden tisch - der philosoph und der tisch! - bezug nehme, ich ihn als etwas bestimmtes setze, dann konstituiere ich dadurch auch den raum (und die zeit). der tisch ist aber kein für sich existierendes ding, kein "soziales gut" (löw), dass ich nur noch in relation zu anderen setzen muss, sondern: der tisch ist mir nur in der jeweiligen bezugnahme, bzw. beschreibung gegeben. den satz von schmidt - den dieser wiederum von josef mitterer übernommen hat - "das objekt der beschreibung kann nicht von der beschreibung des objekts getrennt werden" könnte man erweitern in: die beobachtung des raums kann nicht vom raum der beobachtung getrennt werden. das heisst paradoxerweise: wir befinden uns bereits in dem raum, den wir durch das beobachten erst hervorbringen. was eben nicht heisst, dass der raum bereits da ist, was der container-konzeption entsprechen würde.
hier zeigt sich die extreme komplexität des denkens von schmidt. kein phänomen kann isoliert betrachten: nicht die setzung ohne voraussetzung, nicht das ego ohne alter, nicht die handlung ohne kommunikation, nicht das wirklichkeitsmodell ohne kulturprogramm. alles greift ineinander, alles ist in gewissem sinne mit allem anderen verbunden. das ist es vielleicht, was die besagte kohärenz dieser theorie ausmacht. (es gibt kein ausserhalb, und damit auch keine vorstellung von repräsentation.)
wenn wir von diesem standpunkt aus löws theorie betrachten, fällt tatsächlich auf, dass, wie du sagst, ihr ansatz doch (noch) sehr dualistisch geprägt ist. sie separiert die sozialen güter und menschen von den kognitiven prozessen wie erinnerung, wahrnehmung und imagination, was sie unter syntheseleistung zusammenfasst. nachdem die teile separiert sind, werden diese wieder in beziehung, in relation gesetzt. soziale güter und menschen werden "angeordnet", bzw. "platziert", was doch soviel heisst wie, sie als bereits gegeben anzusehen. was bei löw dagegen tatsächlich nicht vorgegeben ist, ist der raum. dieser geht aus den anordnungen erst hervor, steht also in enger relation zu den syntheseleistungen. der ganze prozess nennt sich dann spacing. der raum wird also als konstitutionsprozess gedacht, die objekte, symbole und menschen jedoch, als irgendwie bereits vorgegeben. und das scheint mir nicht ganz plausibel zu sein. auf gewisse art und weise wird materielles von geistigem/kognitivem getrennt. anders gesagt: der bewusstseinsprozess verbindet anschliessend alles das, was vorher als von ihm getrennt gedacht wurde.
das dilemma basiert eben genau auf diesem von schmidt erläutertem "startmanöver" der abendländischen (mainstream-) philosophie. wenn dualistische grundannahmen wie die trennung von subjekt und objekt oder materie und geist a proiri gelten, gibt es keine möglichkeit diese jemals sinnvoll wieder aufzuheben. so resultieren daraus im wesentlichen die zwei bekannten, aber grundsätzlich verschiedenen erkenntnistheorien, die realistische und die idealistische. (s.92f) ein mittlerer weg scheint schwierig bis unmöglich.
was nun schmidt versucht, ist, das "startmanöver" von grund auf in richtung einer "nicht-dualistischen basisstrategie" zu verschieben. und hier sehe ich auch mögliche annäherungen an ostasiatisches denken. über sinn und unsinn einer solchen annäherung wäre weiter zu diskutieren, auch mit blick auf die unterschiedlichen kulturprogramme, aus denen die theorien hervorgehen.
was darüber hinaus interessant erscheint, ist der fakt, dass schmitd den raum nur in einigen wenigen passagen behandelt, da er ja keine raumtheorie schreiben wollte. eine nicht-dualistische raumtheorie steht also noch aus.
eine frage zum schluss: schmidt scheint ja in seiner konzeption den zustand des puren "nicht-setzens" auszuschliessen. einen ausstieg aus der komplementarität hält er für ausgeschlossen. wie denkst du darüber? wäre nicht gerade das der unterschied zum zen-buddhismus, der ja letzten endes gerade auf ein nicht-beobachten der welt abzielt?
herzliche grüsse, jürgen
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city_space_transitions / theorie / dialoge
dieser dialog gehört zu einer serie von dialogen, die innerhalb der theorie-diskussion des forschungsprojekts city_space_transitions an der hkgz, der hochschule für kunst und gestaltung zürich, geführt werden.
kritik und kommentare, ergänzungen und fortsetzungen sind jederzeit erwünscht.

Peter Sandhaus und Jürgen Krusche: Auszüge aus einem E-Mail-Dialog vom Sommer 2005. Thema ist das Buch "Geschichten & Diskurse" von Siegfried J. Schmidt (Rowohlt Taschenbuch, 2003) und dessen mögliche Implikationen für eine noch zu entwickelnde non-dualistische Theorie des Raumes.
jürgen krusche:
als wir uns das letzte mal in berlin getroffen haben, hast du mir von einem buch erzählt, von dem du denkst, dass es viel mit der thematik unseres forschungsprojektes city_space_transitions zu tun hat. ich habe es ebenfalls gelesen und möchte dich fragen, wo du möglichkeiten siehst, die theorie der "geschichten & diskurse" für eine erweiterung der bisherigen raumdiskurse nutzbar zu machen. was mich noch als zweites interessiert ist deine feststellung, dass manche aussagen dieses buches - obwohl es sehr systematisch eine eigene terminologie entwickelt - mit aussagen vergleichbar sind, die man aus geschichten des zen-buddhismus kennt. könntest du das etwas näher erläutern?
peter sandhaus:
hallo jürgen, also, was mich grundlegend an s. j. schmidts buch "geschichten & diskurse", abschied vom konstruktivismus" fasziniert, ist seine konsequente und plausible konzeption nicht-dualistischer sondern prozeßbedingter wirklichkeiten.
schmidts denkstil vermeidet ontologische existenzannahmen von vornherein, zugunsten einer sprechweise über realitätsprozesse, die die beschreibung & beobachtung nicht vom beschreiber & beobachter trennt. diese lassen sich analytisch ja unterscheiden aber niemals befriedigend scheiden. objekt der beschreibung und beschreibung des objektes müssen für schmidt immer identisch gedacht werden...
wo sehe ich schmidts relevanz für die themenstellung von city_space_transition?
die theorie der "geschichten & diskurse" kann als grundlage für eine nicht-dualistische raumtheorie von nutzen sein. sie ist in sich kohärent und auf sich selbst anwendbar.
im vergleich z.b. mit martina löw, die in "raumsoziologie" (suhrkamp taschenbuch, 2001) ebenfalls auf eine nicht-dualistische begrifflichkeit zielt, wird deutlich, was ich mir von einer anwendung der "geschichten & diskurse" auf raumtheorie verspreche.
mit ihrer wortschöpfung "(an)ordnung" adressiert löw auf die doppelte konstitution von raum durch syntheseleistung und spacing. allerdings bleibt für sie die unterscheidung zwischen der symbolischen und der materiellen komponente von raum (s. 228) eine kategorische. ihr ansatz bleibt auf dieser grundlegenden ebene dualistisch, weil sie den materiellen gütern (wenn auch nicht unbedingt dem raum) eine vom betrachter unabhängige existenz zuschreibt. subjekt und objekt - der philosoph und sein tisch - stehen sich in löws raum immernoch ontologisch gegenüber. zwar räumt ihre argumentation mit der abendländischen behälterraumvorstellung auf, und indem sie sich den beziehungen von gütern und lebewesen zuwendet, findet sie zu einem dezidiert relationalen raumverständnis. aber dieses bleibt auf erkenntnistheoretischer ebene dualistisch.
schmidt hingegen: "in die mißlichkeiten dualistischer erkenntnistheorien kommt man gar nicht hinein, wenn man nicht bei objekten und subjekten und bei der qualität der relationen zwischen beiden beginnt, sondern bei prozessen." (s. 94)
seine prozeßorientierte wirklichkeitskonzeption betont auch die bedeutung von transitions (s. 86): "wie schon mehrfach betont, spielt sich alles, was geschieht, in übergängen ab, im zwischen, im während, also in der form von räumlicher zeitlichkeit oder zeitlicher räumlichkeit (...) übergänge sind gedachte differenzen, die sich in gelebte unterscheidungen verwandeln, welche sich wiederum in differenzen verwandeln."
zu deiner zweiten frage, inwieweit der nicht-dualismus bei schmidt und der nicht-dualismus des zen in einem zusammenhang stehen, darüber muß ich länger nachdenken. laß uns die möglichen berührungspunkte mit dem zen-buddhismus ein wenig später besprechen..
wie ging es dir mit der lektüre, was hat dich besonders angesprochen?
herzliche grüße, peter
jürgen krusche:
mir ging es ähnlich wie dir. was mir vor allem sehr zusagt, ist der "versuch", eine nicht-dualistische theorie zu entwickeln. auch sagt mir zu, dass schmidt sich zwar nicht vom konstruktivismus generell verabschiedet - was das buch ja im untertitel nahelegt - , aber doch von der radikalen variante. seine sprache ist auf diese weise relativ einfach nachvollziehbar und realitätsnah. dennoch entsteht ja mit der zeit des lesens eine enorme komplexität, alles scheint mit allem verbunden zu sein: geschichten bedingen diskurse und basieren auf der komplementarität von wirklichkeitsmodell und kulturprogramm, selektion bedingt kontingenz, etc. grundlegender akt ist die setzung, die IMMER auf voraus-setzungen basiert, bzw. alles vorhergehende erst zu voraussetzungen werden lässt. die rede ist also von einer beginnlosigkeit, wie dies ja auch derrida proklamiert.
das spannende - und vielleicht neue - an schmidts ansatz ist seine spezifische verwendung des begriffs der komplementarität, der mich besonders interessiert. so wie setzung und voraussetzung sich gegenseitig bedingen (die setzung ja eigentlich erst die voraus-setzung konstituiert), bedingt auch die selektion die kontingenz. erst durch die selektion entsteht kontingenz. diese gegenseitige bedingtheit verdeutlicht er durch ein "&"; geschichten & diskurse, etc.
hier möchte ich kurz etwas einschieben: im japanischen gibt es den begriff "soku", der auch in einem bekannten buddhistischen text verwendet wird. dort verbindet er leere und form. die übersetzungen lauten dann etwa: leere ist gleich form, und form ist gleich leere. verschiedene autoren haben aber darauf hingewiesen, dass dieses "soku" nicht mit "ist gleich" übersetzt werden kann, weil dies zu einfach ist (oder zu abendländisch?). wenn zwei begriffe mit "soku" verbunden werden, bedeutet das eher, dass das eine im anderen mit enthalten ist UND gleichzeitig es selbst bleibt; oder: das eine geht kontinuierlich in das andere über und konturiert sich dadurch erst als das eine.
die leere geht kontinuierlich in form über und wird dadurch erst als leere erkennbar. denn leere als leere ist nicht erkennbar.
das ist es auch, was schmidt meiner meinung nach mit dem begriff der komplementarität meint, und mit einem "&" markiert. auf dieses weise ist dann auch die einheit der differenz nochmals anders zu denken: jede setzung geht aus allen nicht-setzungen hervor, die dadurch erst zu voraus-setzungen werden, und alle nicht-setzungen gehen gewissermassen rückwirkend aus jeder einzelnen setzung hervor. es ist nicht zuerst das nicht-gesetzte (die leere), aus dem dann zeitlich versetzt die setzung (die form) hervorgeht. sondern mit der setzung geht auch alles nicht-gesetzte hervor.
ohne die differenz wäre nichts zu erkennen. die unterbrechung des kontinuierlichen stroms, wie schmidt es nennt, ist notwendig, damit etwas bestimmtes erkennbar wird. die einheit muss unterbrochen werden, bleibt aber gleichzeitig als einheit bestehen. wenn nicht, wäre es eine simple dichotomie von einheit und differenz.
diese komplementarität charakterisiert dann ebenso paare wie ego/alter oder ego/etwas (ding). dasselbe bei beobachter und beobachtetes. das würde bedeuten, dass das beobachtete ständig aus dem beobachter hervorgeht und sich gleichzeitig durch die beobachtung der beobachter erst selbst konstituiert.
das, denke ich, ist eine wichtige facette des nicht-dualistischen denkens. wobei meine interpretation vielleicht zu radikal - oder unter umständen zu wenig radikal - ist.
auf diese weise wären dann auch raum und zeit zu denken. dass raum und zeit komplementär sind, das sagt auch einsteins relativitätstheorie. bei schmidts konzeption ist jedoch das entscheidende, dass jede setzung raum und zeit erst hervorbringt. "jede setzung als vollzug einer unterscheidung setzt notwendigerweise raum und zeit; denn der übergang von einer voraussetzung zu einer setzung vollzieht sich als operation, die nur in raum und zeit gedacht werden kann. die prozessualität und relationalität unserer bewusstseinsprozesse erzeugt also unvermeidlich raum und zeit." (s.84)
das heisst, jede setzung (beobachtung oder beschreibung) bringt als vollzug notwendigerweise den raum als seine bedingung mit hervor. wenn ich auf den vor mir stehenden tisch - der philosoph und der tisch! - bezug nehme, ich ihn als etwas bestimmtes setze, dann konstituiere ich dadurch auch den raum (und die zeit). der tisch ist aber kein für sich existierendes ding, kein "soziales gut" (löw), dass ich nur noch in relation zu anderen setzen muss, sondern: der tisch ist mir nur in der jeweiligen bezugnahme, bzw. beschreibung gegeben. den satz von schmidt - den dieser wiederum von josef mitterer übernommen hat - "das objekt der beschreibung kann nicht von der beschreibung des objekts getrennt werden" könnte man erweitern in: die beobachtung des raums kann nicht vom raum der beobachtung getrennt werden. das heisst paradoxerweise: wir befinden uns bereits in dem raum, den wir durch das beobachten erst hervorbringen. was eben nicht heisst, dass der raum bereits da ist, was der container-konzeption entsprechen würde.
hier zeigt sich die extreme komplexität des denkens von schmidt. kein phänomen kann isoliert betrachten: nicht die setzung ohne voraussetzung, nicht das ego ohne alter, nicht die handlung ohne kommunikation, nicht das wirklichkeitsmodell ohne kulturprogramm. alles greift ineinander, alles ist in gewissem sinne mit allem anderen verbunden. das ist es vielleicht, was die besagte kohärenz dieser theorie ausmacht. (es gibt kein ausserhalb, und damit auch keine vorstellung von repräsentation.)
wenn wir von diesem standpunkt aus löws theorie betrachten, fällt tatsächlich auf, dass, wie du sagst, ihr ansatz doch (noch) sehr dualistisch geprägt ist. sie separiert die sozialen güter und menschen von den kognitiven prozessen wie erinnerung, wahrnehmung und imagination, was sie unter syntheseleistung zusammenfasst. nachdem die teile separiert sind, werden diese wieder in beziehung, in relation gesetzt. soziale güter und menschen werden "angeordnet", bzw. "platziert", was doch soviel heisst wie, sie als bereits gegeben anzusehen. was bei löw dagegen tatsächlich nicht vorgegeben ist, ist der raum. dieser geht aus den anordnungen erst hervor, steht also in enger relation zu den syntheseleistungen. der ganze prozess nennt sich dann spacing. der raum wird also als konstitutionsprozess gedacht, die objekte, symbole und menschen jedoch, als irgendwie bereits vorgegeben. und das scheint mir nicht ganz plausibel zu sein. auf gewisse art und weise wird materielles von geistigem/kognitivem getrennt. anders gesagt: der bewusstseinsprozess verbindet anschliessend alles das, was vorher als von ihm getrennt gedacht wurde.
das dilemma basiert eben genau auf diesem von schmidt erläutertem "startmanöver" der abendländischen (mainstream-) philosophie. wenn dualistische grundannahmen wie die trennung von subjekt und objekt oder materie und geist a proiri gelten, gibt es keine möglichkeit diese jemals sinnvoll wieder aufzuheben. so resultieren daraus im wesentlichen die zwei bekannten, aber grundsätzlich verschiedenen erkenntnistheorien, die realistische und die idealistische. (s.92f) ein mittlerer weg scheint schwierig bis unmöglich.
was nun schmidt versucht, ist, das "startmanöver" von grund auf in richtung einer "nicht-dualistischen basisstrategie" zu verschieben. und hier sehe ich auch mögliche annäherungen an ostasiatisches denken. über sinn und unsinn einer solchen annäherung wäre weiter zu diskutieren, auch mit blick auf die unterschiedlichen kulturprogramme, aus denen die theorien hervorgehen.
was darüber hinaus interessant erscheint, ist der fakt, dass schmitd den raum nur in einigen wenigen passagen behandelt, da er ja keine raumtheorie schreiben wollte. eine nicht-dualistische raumtheorie steht also noch aus.
eine frage zum schluss: schmidt scheint ja in seiner konzeption den zustand des puren "nicht-setzens" auszuschliessen. einen ausstieg aus der komplementarität hält er für ausgeschlossen. wie denkst du darüber? wäre nicht gerade das der unterschied zum zen-buddhismus, der ja letzten endes gerade auf ein nicht-beobachten der welt abzielt?
herzliche grüsse, jürgen
___________________________________________________________________
city_space_transitions / theorie / dialoge
dieser dialog gehört zu einer serie von dialogen, die innerhalb der theorie-diskussion des forschungsprojekts city_space_transitions an der hkgz, der hochschule für kunst und gestaltung zürich, geführt werden.
kritik und kommentare, ergänzungen und fortsetzungen sind jederzeit erwünscht.